lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Mut tut gut...


Mutig, das haben einige gesagt, als das Video online gegangen ist. Ich hab da lange drüber nachgedacht. Und ja – es kostet mich Mut.

Warum ist das so?

Schließlich sage ich seit 4 Jahren überall, wo ich Fianna als Assistenzhündin dabei habe – auch im Beruf – , ganz offen: Sie unterstützt mich, weil ich eine Geschichte von sexualisierter Gewalt habe. Ich habe Formeln fürs Sprechen darüber gefunden, kenne dabei meine Grenzen. Das Outen ist es also inzwischen nicht (mehr), das Mut kostet – auch wenn ein Video tatsächlich noch etwas Anderes ist.
Gleichzeitig: Anders als viele Betroffene von ritueller Gewalt bin ich inzwischen sicher. Ich werde nicht bedroht.
Und schließlich: Klar, ein solches Projekt anzukurbeln inklusive aller Versagensängste, das ist immer Risiko. Aber auch das trifft es nicht, wenn gesagt wird: Der Film kostet Mut.

Warum also mutig?
Schließlich habe ich doch von außen gar nichts „Schlimmes“ zu erwarten…

Für mich ist es eher dies – und ich glaube, viele Betroffene werden mich verstehen. Es kostet unendlich viel Mut, sich gegen sehr starke innere Kräfte und Stimmen zu wenden. Innere Stimmen, die vom Wertesystem der Täter ausgehen.
Denn das ist, so empfinde ich es, eines der schwersten Dinge für viele Erwachsene, die in der Kindheit (sexualisierte) Gewalt erlebt haben: Die Bedrohung lauert nicht (nur) im Außen. Sondern ein Stück weit ist es so, als würden die Täter im Inneren weiter leben.
Wenn ein Kind lange Zeit Gewalt ausgesetzt und gleichzeitig von Tätern in irgendeiner Form abhängig war – bis hin zu Macht über Leben und Tod – , dann übernimmt das Kind Glaubenssätze, Werte, Gesetze, Verbote, Drohungen. Bei DIS vertreten vielleicht eigenständige Persönlichkeiten solche Standpunkte, bei anders dissoziierenden Menschen mögen es verinnerlichte Einstellungen sein.

Das Perfide daran: Sie bleiben im Innern lebendig, selbst wenn der Verstand durchschaut hat, dass sie nicht mehr gelten.
Der Verstand weiß: Du musst nicht mehr schweigen. Niemand wird dich bestrafen, niemand anders wird „tot umfallen“, alle Drohungen solcher Art sind irreal… Es gibt keine Bomben, die im Bauch explodieren könnten – das sind Ängste, die einem Kind eingepflanzt worden sind. Der Verstand weiß: Du bist erwachsen, du kannst dich schützen.

Die inneren Stimmen, die wissen das aber eben nicht. Teilweise zumindest. Angst bleibt Angst, Verbote bleiben Verbote – solange wie „mensch“ sie nicht in Therapiearbeit entschärft hat. Solange nicht bis in die Tiefen durchgedrungen ist: Heute ist eine andere Zeit…

Das ist das wirklich Perfide an Gewalt an Kindern: Die Täter leben in ihnen noch als Erwachsene weiter, selbst wenn die eigentlichen Täter selbst schon lange gestorben sind. Wir sind erst wirklich „frei“, wenn wir geschafft haben, alle(s) innen davon zu überzeugen: Heute ist eine andere Zeit - mit anderen "Regeln". Und ganz ehrlich: Ich frage mich manchmal, ob dazu ein Menschenleben ausreichen mag...

Genau deshalb sind Sätze wie dieser so abgrundtief absurd: „Lass doch die alten Geschichten einfach ruhen.“ Wie sollten wir das tun, da die „alten Geschichten“ doch im Innern eben nicht „alt“ sind – sondern zum Erleben im Hier und Heute gehören. Wenn die Täter im Innern weiter existieren – mit allen Konsequenzen…

Deshalb ist und bleibt alles im Leben für Menschen wie mich eine Gradwanderung: Wenn ich mich ständig nach der Angst und den Verboten richte, dann lernt „das Innen“ niemals: Es ist vorbei, es passiert nichts mehr, das Leben heute ist anders. Wenn ich aber umgekehrt immer einfach über alle Ängste hinweg gehe und sie nicht ernst nehme, weil sie ja vom Verstand her nicht mehr „realistisch“ sind, dann breche ich irgendwann zusammen. Es geht darum, die Ängste ernst zu nehmen, auf sie einzugehen und zu sorgen – aber gleichzeitig die Chance zu geben, etwas Neues zu lernen. Und das alles auseinanderzuhalten, die Grenzen zu wahren – das braucht wirklich Kraft.

Lauf-stark, gerade auch das Video – das kostet tatsächlich Mut. Im Außen fast weniger als im Innern. Denn ich breche damit komplett mit sämtlichen Gesetzen, die Täter in Kinder „implantieren“. Ich muss immer wieder schauen, wie gehe ich mit dem „Innen“ um, das dadurch in Sorge versetzt wird. Wie mache ich mit innen Kompromisse, wie sorge ich für Be-Ruh-igung…

Und ganz ehrlich – das ist für mich und für viele viele Betroffene wahrlich mehr Herausforderung als es Lauftraining überhaupt sein kann…