lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Tag 25 oder: "Hamburg - das Leben ist bunt..."


Jetzt sitze ich hier im Hotel, und realisiere: Die Tage von lauf-stark sind vorbei.

Was war das für ein Tag…

Um 3:45 Uhr aufgestanden und Abmarsch Richtung Wiegersen, von wo wir die letzte Etappe gestartet haben. Die ersten Kilometer gemeinsam mit Rike und Gesprächen, die mir einiges näher gebracht haben – ich dank dir sehr für deine Offenheit… In Apensen dann ist Hanna zu uns gestoßen und in Buxtehude dann Anja. Die Strecke war naturgemäß – städtisches Umfeld eben – heute nicht mehr wirklich idyllisch, dafür haben wir aber hautnah den Hamburger Airbus-Flughafen gestreift. Und die drei haben mir etwas von meiner Aufregung genommen – vor allem auch sie ertragen ;-) .   

Derweil sind die Frankfurter LäuferInen in ihren Solidaritätslauf gestartet – ich habe heute so viel an euch gedacht und mich sehr mit euch verbunden gefühlt. Was für ein schönes Gefühl – die „erste Etappe“ war eigentlich in Hamburg auch mit dabei ;-) . Eine so tolle Initiative von Silke und dem Frankfurter Laufshop - dolle lieben Dank dafür!!!

Während ihr in Frankfurt gelaufen seid, ging es hier in Hamburg weiter. Oh mensch – ich weiß, man merkt mir die Aufregung „im Ernstfall“ gar nicht an – Abspaltung kann manchmal so hilfreich sein :-P . Aber außen ist eben nicht innen. Und als wir an der Fähre ankamen, hätte ich zuerst eigentlich am liebsten kehrtgemacht. Ganz simpel wieder weiter laufen – das wäre so einfach…

Ich hab dann auch erst mal gar nicht Bescheid gesagt, dass wir da waren, wir sind klammheimlich mit der Fähre rüber – und wurden trotzdem schon von einer sehr netten und aufgeregten ;-) Frau und Fotografin erwartet. Erleichterung – da ist noch jemand aufgeregt, nicht nur ich :-P ...

Netterweise hatte und die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft DLRG (wie passend, vom Namen her) für Ankommen und Pressekonferenz aufgenommen. Das sind Situationen, die ich sehr schwierig finde: Wenn ich noch nicht weiß, wer dabei ist, wie der Ablauf genau ist, was wann passiert. Es haben sich alle total gefreut, als wir da waren – das war einfach nur schön. Mit Urte Paulsmeier von den Dolle Deerns und Ulla Fröhling von der Rennebach-Stiftung hatte ich ja schon viel gemailt – aber so „face to face“ ist es einfach etwas anderes. Und fast noch aufregender für mich, als wenn ich Menschen vorher gar nicht kenne. So war ich dann auch ganz froh, erst mal duschen zu können und ein paar Minuten zu haben, um selbst anzukommen. 

Dann kam die Pressekonferenz – mit wie ich fand echt vielen JournalistInnen. Die Welt, Hamburger Morgenpost, Sat1 regional usw. Uffz – überwältigend.

Eine sehr schöne Einführung von Ulla Fröhling und Urte Paulsmeier und mit Moderation von Christa Paul.

Hier ist es eigentlich totaler Horror, so im Blickpunkt zu stehen – erst recht mit Foto und Co. Puh. Aber dann bin ich ehrlich gesagt immer selbst völlig frappiert, wie ruhig ich selbst dann (oder gerade dann) nach außen agieren kann. Und das gibt totale Sicherheit. Ich beobachte mich selbst und wundere mich, wie es funktioniert, so gelassen und souverän da zu sein…

Genau in diese Richtung ging auch eine Frage der Presse. Mir wäre ja gar nichts anzumerken.

Tja – Abspalten hat auch seine Vorteile. Kann ich heute für mich sagen. Und versuche, nicht in Gedankenkreisläufe zu geraten wie: „Aha, niemand glaubt dir…“ Eine mini-kleine Frage, die schon wieder ins nächste Chaos stürzen würde – wenn ich dem nichts entgegensetzen kann.

Aber wie gesagt, ich bin selbst jedes Mal neu überrascht, wie es nach außen funktioniert. Und ich möchte heute ausnahmsweise etwas recht deutlich schreiben Ich möchte einfach einmal ganz klar sagen: Es kann auch eine unglaubliche Kraft und Ressource darin liegen, mit verschiedenen inneren Anteilen / Kräften zu hantieren. Auch wenn es das Leben manchmal sehr sehr schwer macht, auch wenn die Struktur aufgrund von brutalster Gewalt entstanden ist. Aber manches, was ursprünglich zerstörerisch gewirkt hat – oder auch von Tätern bewusst zerstörerisch angelegt war – das kann ich manchmal wenden und für mich nutzen. Ich bin absolut überwältigt, wie viel Power gerade die Innenteile, Innenkräfte mitbringen, die ursprünglich total destruktiv waren – wenn man sie zur Zusammenarbeit gewinnen kann. Eine der wirklich für mich grandiosen Erlebnisse mit lauf-stark.

Nach der Pressekonferenz ging es mit gut 20 LäuferInnen und RadlerInnen – verstärkt auch von der DLRG! – zum Treffpunkt mit Bischöfin Kirsten Fehrs. Was für eine lebendige, empathische und verstehende (ich schreibe bewusst nicht: verständnisvolle…) Frau. Ich bin tief beeindruckt von der Wärme, die uns allen entgegenkommt. Mit Laufklamotten war Bischöfin Fehrs gut gerüstet – die 2 Kilometer waren allerdings für sie gerade mal zum „Warmlaufen“, fürchte ich. Tja – die Lust am Laufen scheint eben tatsächlich verschiedenste Menschen zu verbinden :-) ...

Nachdem wir die Fußgänger eingesammelt haben – noch einmal gut 20 Leute, die uns super fröhlich und mit Transparenten begrüßt haben – ging es zum Fischmarkt. Kirsten Fehrs hat dort eine sehr bewegende Rede gehalten – wir werden sie in den nächsten Tagen hier veröffentlichen dürfen, hat sie versprochen. Etwas, das wohl auch andere sehr bewegt hat: Als Vertreterin der Kirche übernimmt sie Verantwortung dafür, was Kirche an Schrecklichem übersehen, geduldet, nicht verfolgt oder auch angetan hat. Was für eine Entlastung und Würdigung für viele Betroffene.

Ich kann kaum in Worte fassen, mich bewegt es immer unglaublich, wenn Menschen „verstehen“. Und dieses zugewandte Verstehen auf Augenhöhe kam von Bischöfin Kirsten Fehrs spürbar rüber – in Worten und Gesten. Ein sehr herzliches Dankeschön für diese Begegnung – sage ich, und das diesmal auch mal bewusst als Pfarrerin, die naturgemäß viel mit kirchlichen Strukturen zu tun hat. Ich beneide Hamburg um diese Bischöfin, sag ich ganz ehrlich!

Auf dem Fischmarkt ging es dann mit Jazzmusik fröhlich weiter. Mit Baisers von Ulla Fröhling, sehr netten Worten von Renate Rennebach und Urte Paulsmeier – und mit vielen Begegnungen. Ein richtig buntes und fröhliches Ankommen, das war es – und mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich daran denke. 



Ich möchte mich für all das sehr sehr sehr dolle bedanken. Und ganz bewusst auch bei den Betroffenen Frauen, die da waren. Für die Freude von manchen, die gemerkt haben: Es gibt ja andere, die ticken wie ich… Für den Mut von einigen, überhaupt dabei zu sein – und erst recht den Mut, mir das zu erzählen.

Ich danke euch dafür sehr, denn so mutig wie ihr denkt, bin ich auch nicht unbedingt. Ich hoffe und kämpfe wie alle. Und auch ich brauche das: Zu spüren – da sind andere „wie ich“, und dass es Sinn macht, was ich tue. Wenn ich den Sinn nicht empfinde, dann habe ich auch die Kraft nicht – zu leben, zu kämpfen.   

An alle Hamburger – stellvertretend für die vielen v(V)ielen ;-) auf dem Lauf, denen ich begegnen durfte: Herzlichen Dank für all die Wärme und den Mut, den IHR MIR gegeben habt…   

Ich wende mich heute nach einem langen Tag dem Bettchen zu – meine völlig übermüdeten Hunde habe das schon lange getan… Morgen – fest eingeplant –sind die letzten 15,5 km, um die 1.000km voll zu machen – so knapp aufhören, das geht doch einfach nicht :-P Dann eine Stippvisite an der Nordsee, bei Bertha und Bertas Wollscheune – Lara, Hummelchen und Bertha sind schon ganz hibbelig. That´s it – Sonntag geht es dann zurück in den Alltag. Na ja, dazu habe ich ja vor ein paar Tagen geschrieben…   

Schaut gern in den nächsten Tagen noch mal rein – der Besuch bei Bertha und ein Fazit kommen auf jeden Fall noch, wenn alles ein bisschen gesackt ist...   

Und jetzt erst mal gute Nacht J .