lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Tag 23 oder: "...kleine und große Schritte..."


Langsam steht alles im Vorzeichen der Ankunft in Hamburg. Es rückt immer näher, und die Aufregung steigt. 

Heute war der vorletzte „freie“ Lauftag ohne Ankunft, und seit gestern laufe ich nicht mehr allein. Eine sehr nette und toughe junge Frau begleitet uns, und wir sind heute sehr vertieft in wirklich gute Gespräche gelaufen. Ich bin immer wieder verblüfft, wie viel Nähe beim Laufen entsteht, obwohl man sich vorher nicht kannte. Ich habe heute den Austausch sehr genossen – es tut so gut, manche Gefühle und Erfahrungen zu teilen. Jedenfalls freue ich mich gerad sehr über die Begleitung! Nachdem Rike in unserem Auto mitgefahren ist, hat Fianna sie auch direkt als zum Rudel zugehörig adoptiert und in den Pausen mit „gehütet“ ;-) . 

Ansonsten bin ich momentan sehr damit beschäftigt, Rückschau zu halten. Es gibt so viele Dinge, für die ich bei lauf-stark und auch bei der Vorbereitung sehr dankbar bin. Entwicklungen, die für mich neu sind. Ich habe während des Laufes mit großem Erstaunen festgestellt, wie es sich anfühlen kann, wenn man relativ unbefangen mit Essen umgeht – ich kenne es seit mindestens 25 Jahren so nicht.

Vor dem Thema Ernährung hatte ich vor lauf-stark wirklich Angst. Es war klar, ich kann mir im Vorfeld keine immensen Gewichtsschwankungen leisten wie es sonst der Fall war. Und seit dem ersten Gespräch mit STAPS war auch sehr klar, dass lauf-stark nicht funktionieren würde, wenn ich auf dem Lauf nicht genug Energie zuführe. Es würde nicht klappen, wenn ich Gewicht verliere, weil dann die nötige Energie nicht da wäre… „Oh hilfe, und das, obwohl innerlich die langen Läufe bei mir immer noch mit „dünner werden“ verknüpft sind“ :-P . 

Aber dann war es eine echt irre Erfahrung, dass der Körper tatsächlich spürt, was er braucht. Kaum zu glauben… Die ersten beiden Wochen hatte ich z.B. morgens totalen Hunger auf Brot mit Butter und gaaaaanz viel Salz drauf. Nachdem ich dann beim Laufen mehr Salz zugeführt hab als vorher, war der Hunger darauf plötzlich wieder weg. Für mich, für die das Hören auf den eigenen Körper nicht gerad zu den großen Stärken (*hüstel*) gehört, echt eine umwerfende Erfahrung…

Ehrlich, wenn man sich sonst oft fern vom eigenen Körper bewegt, ist es ziemlich überwältigend, zu spüren: Der Körper weiß, was er braucht und was gut tut. 

Ich glaube, fast alle Traumaleute werden diesen schweren Umgang mit dem Körper kennen. Kein Wunder, war er doch im Gefühl der Träger von sehr viel Leid und Schmerz – und damit gefühlt irgendwie auch die Ursache. In aller Hilflosigkeit vor dem Täter früher zentriert sich dann eben oft aller Hass, alle Verachtung auf den eigenen Körper. Mein Ideal früher wäre immer gewesen, körperlos zu sein… (ich muss gestehen – ist es bis heute…) 

Heute, nach lauf-stark, bin ich trotzdem fast ein bisschen ehrfürchtig davor, was ein Körper leisten kann, wenn ich auf ihn achte. Ich schreibe das bewusst so distanziert, denn auf diese Art nehme ich meinen Körper wahr, und so schaffe ich es momentan, ihn gut zu versorgen: Ich habe ihn bei lauf-stark bewusst so behandelt, als wäre der Körper ein externer Sportler außerhalb von mir selbst. So als würde ich bei einem anderen Sportler wahrnehmen, was er braucht, um gesund und leistungsfähig zu bleiben und seinen Körper dann dementsprechend versorgen. Der Körper ist irgendwie immer noch etwas, das außerhalb von mir existiert, ich bin auch nicht „stolz“ darauf, was er bei lauf-stark geleistet hat. Und trotzdem ist das für mich ein wirklich großer Schritt auf dem Weg zu einem besseren Umgang mit dem eigenen Körper. 

Ich bin nicht so blauäugig zu denken, dass ich mir das genau so in den Alltag retten kann, dazu hat das Thema Essen und Körper zu viele Funktionen und Facetten – für mich und viele andere Betroffene. Aber es ist ein Anfang – auf dem Weg, sich selbst die Erlaubnis zu geben, den eigenen Körper zu schätzen und entsprechend zu behandeln.