lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Tag 21 oder: "Volles Verständnis für Forrest Gump"


Wow – das war ein Tagesanfang in Steimbke. Eine Gastfreundschaft, wie man sich nur erträumen kann. Brötchen nach Wahl, wir hätten sogar frisches Mett haben können – und es gab 7 Sorten (!!!) selbstgemachte Marmelade! Oh da hätte ich mich reinsetzen können.

Sven Meier war dann sogar so nett, und hat uns nicht nur komplett abends und morgens und überhaupt eingeladen, sondern sogar noch einen Topf Bananen-Rhabarber-Marmelade (absolutes Highlight) geschenkt. Also, wenn wir irgendwann in der Gegend Urlaub machen, weiß ich, wo – außerdem echt ein schönes Örtchen. 

Ansonsten bin ich heute munter durch Wälder getrabt und so schrecklichen Hindernissen wir von Kreuzspinnen zugesponnenen Wegen (hier ein absoluter Trigger) getrotzt. Ich hab ernsthaft überlegt, dass ich da nicht durchkann – aber irgendwie haben wirs geschafft ;-) . 

Und jetzt sind wir bei Tanja und Achim, den Züchtern von Fianna, inmitten eines Rudels Shelties und genießen ihre Gastfreundschaft und den Abend. 

Ansonsten merke ich, dass sich die Tour langsam aber sicher dem Ende zuneigt. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, in der wenig Angst da war – und wenn, konnte ich sie sofort „auslaufen“. Und ich möcht das heute nutzen, um vielleicht noch einmal ein bisschen über „Psycho-Zeugs“ zu erzählen… vielleicht bissl verständlich machen, warum manches bei Traumaleuten anders abläuft.

Wens nicht interessiert – morgen geht’s wieder fröhlicher weiter ;-) 

Anlass ist der, dass ich merke, wie bei mir die Angst vor dem Alltag zu Hause wieder steigt. Das ist hier innen immer so: Das, was in diesem einen Moment nicht alltägliche Realität ist, macht sofort totale Angst. Selbst wenn ich es von „früheren Zeiten“ kenne. So als wäre es immer wieder neu das große Unbekannte – selbst wenn ich dasselbe schon zigfach gemacht habe, zigfach gemerkt habe: Es ist eigentlich kein Problem. Deswegen finde ich oft, das ganze Leben ist und bleibt eine einzige Verhaltenstherapie – man überwindet die Ängste, aber die werden davon eben NICHT weniger wie sonst bei Verhaltenstherapie. Trotzdem muss ich sie überwinden, denn sonst dominieren sie irgendwann nur noch mein Leben, und es gibt nichts mehr danaben. 

Vor 10 Jahren z.B. war es noch so: Wenn ich ein paar Tage aus dem Alltag weg war, von den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, dann war die Erinnerung meist wie ausgelöscht. Die Gesichter weg – selbst das von meinem heutigen mann – das Bild der eigenen Wohnung weg. Wieder zurückzukommen war oft wie in ein große Nichts gehen. Realität war immer nur die Gegenwart.

Heute ist das anders, ich erinnere mich, ich weiß, in welche Zusammenhänge ich zurückkomme, ich behalte die Menschen „in Erinnerung“. Aber das Gefühl dafür ist nach einiger Zeit nicht mehr da. Die „alte Stelle“ im Beruf ist wie ein absoluter Neuanfang – und ich muss mir vorher sagen: „Hej, Katja, du kennst das, es ist immer so. Du weißt, dass die Menschen deine Arbeit schätzen, und du weißt, dass nach kurzer Zeit auch die Angst wieder weg ist. Ich muss mir vom Verstand her sagen: Es wird vorbeigehen, die Angst hat keinen Grund. 

Früher dachte ich, ich wäre einfach dumm, weil ich mich an viele Dinge nicht erinnere, auch an alltägliche nicht. Zu dumm, um sich selbst einfachste Dinge zu merken – dachte ich. Aber das ist nicht der Fall – Menschen wie ich haben lediglich gelernt, Dinge anders abzuspeichern. Ich würde es gern erklären… 

Traumatische Erinnerungen werden anders abgespeichert als alles andere. Ich versucht es einmal, mit einem unverfänglichen Beispiel zu erklären. 

Ich sitze bei Oma Erna im Schaukelstuhl, auf dem Tisch steht eine Geranie. Oma Erna bringt mir im rotgepunkteten Kleid ein Stück Kuchen. Ich beiße rein – und mir zieht sich alles zusammen, ich huste und spüre vielleicht sogar einen Brechreiz: Oma Erna hat den Zucker mit Salz verwechselt. 

Wenn es sich hier um eine „normal“ abgespeicherte Erinnerung handelt, dann sehe ich irgendwann u.U. einen ähnlich aussuchenden Kuchen und sage mir: „Ach, weißt du noch, damals als Oma Erna den Kuchen versalzen hat. Der hat ja fies geschmeckt…“ Oder ich denke zurück und muss lächeln, witzige Geschichte damals. Ich trage die Erinnerung wie ein vollständiges Bild in mir und kann sie vor meinem inneren Auge sehen, weiß aber: Das war vor X Jahren. 

Wenn es sich um eine Trauma-Erinnerung handeln würde, gehe ich vielleicht durch die Stadt. Plötzlich spüre ich Brechreiz und muss mich fast übergeben. Ich weiß nicht warum, und dass neben mir im Schaufenster ein rotgepunkteter Blazer hängt, habe ich bewusst gar nicht wahrgenommen. Oder mir passiert dasselbe in einer Gärtnerei, wenn ich an den Geranien vorbeigehe – ohne dass ich weiß, wie mir geschieht. Die Erinnerung ist nicht zugänglich – nur der Reiz „Geranie“ oder „rotgepunktet“ hat den Brechreiz aktiviert. Das ist die eine Variante: Verschiedene Aspekte sind hinter unterschiedlichen „Türen“ im Gehirn verborgen. Ich kann sie nicht bewusst öffnen, aber wenn in der Außenwelt irgendetwas wie ein „Schüssel“ passt, dann öffnet sich die Tür und dieser eine Aspekt überflutet mich.

Oder aber ich gehe durch die Stadt – und ganz plötzlich habe ich das Gefühl, ich sitze wieder in diesem Schaukelstuhl und schmecke den versalzenen Kuchen auf der Zunge, muss brechen. Ich nehme die reale Welt gar nicht mehr wahr, weil irgendetwas das komplette Bild von früher aktiviert hat. Die alte Situation ist plötzlich für mich Realität. 

Trauma-Erinnerungen werden meist gut verpackt abgespeichert, abgespalten, so dass ich u.U. über diese Einnerung erst einmal gar nicht frei verfügen kann. Und / oder das Gehirn zerpflückt die Erinnerung gewissermaßen in einzelne Bestandteile, ohne dass ich einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen kann. Einfach weil die Erinnerung in der Vollständigkeit zu überwältigend, zu vernichtend gewesen wäre. 

Ein Kind, das früh und viele schlimme Situationen erlebt, das lernt auch diese Art von Abspeichern und Erinnern. Es wird in der Zukunft nicht nur schlimme Situationen so „abspeichern“, sondern u.U. auch andere. Das heißt, das ganze Gedächtnis funktioniert u.U. bei Betroffenen auch in anderen Situationen eventuell anders. 

Gerade in der Kindheit erlebte schwere Traumata beeinflussen einfach das ganze Menschsein – auch außerhalb von den bekannten Folgen wie Erinnerungs-Flashbacks, Panikstörungen etc. Vieles ist dadurch ungleich mühsamer und kräftezehrender. 

Ich habe heute noch einmal daran gedacht: lauf-stark ist für mich im Vergleich zum Alltag wirklich Erholung. So viel zum Thema „täglicher Marathon des Lebens“ bei Betroffenen. 

Ehrlich, ich würde momentan gern wie Forrest Gump sagen, als der laufend am Meer ankam: „Dann sah ich das Meer. Und ich drehte mich um und lief weiter…“ ;-)