lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Tag 10 oder: "Die Bärenraupe..."


Heute war Düsseldorf an der Reihe. Die Etappe bin ich allein gelaufen, und so hatte ich selbst Zeit, die letzten angefüllten Tage ein wenig zu verdauen. Aber dazu später.

Die Ankunft in Düsseldorf war schön - 6 LäuferInnen haben mich erwartet und dazu eine Radlerin. Spannende Gespräche wieder, u.a. ist der Gründer der „Elterninitiative für Loverboy-Opfer“ mitgelaufen und 2 Mitarbeiter der Hilfestelle für gewaltgeschädigte Kinder „KID“. Ich bedauer es immer, dass die Zeit zum Erzählen nicht so lang ist. Unter die FußgängerInnen hatte sich eine ganz liebe Freundin von mir gemischt, die noch weitere Grüße im Gepäck hatte – das hat unendlich gut getan, ich kanns gar nicht anders sagen und grüße mal alle ganz lieb zurück!

Ein schönes Zeichen war auch, dass Claudia Paul von der Evangelischen Kirche im Rheinland mit dabei war. Sie ist hier „Beauftragte für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung“. In der Beratungsstelle wurden wir sehr sehr herzlich empfangen, und es war schön, ganz entspannt ein bisschen plaudern zu können. Herzlichen Dank dafür! 

Heut möchte ich aber noch etwas anderes sagen.

Ich werde immer häufiger gefragt: „Wie kann man so lange laufen…“ Und die Leute sind dann fast schon bewundernd, empfinden das als große Leistung und Stärke. Natürlich ist es schön, so respektvolle und zugewandte Worte zu bekommen – aber ganz ehrlich: Das ist gar nicht das Schwerste – in meinem Leben nicht und in dem vieler anderer Betroffenen auch nicht.

Wenn die Seele so sehr in Scherben liegt wie das bei Opfern von ritueller / sexualisierter Gewalt ist, dann ist das tägliche Überleben meistens lange Jahre ein einziger Marathon. Es gab in meinem Leben Zeiten, in denen jede Sekunde, jede Minute, erst recht jeder Tag ein ungleich größerer Kampf war als es Laufen jemals sein kann. Ich wusste oft selbst nicht, woher die Seele – und manchmal auch der Körper – die Kraft hernimmt, weiter zu existieren. Geschweige denn sich zu bewegen – in welche Richtung auch immer. 

Wir Menschen haben meist leider feste Vorstellungen davon, wie „Stärke“ aussieht – und sportliche Leistung, „toughsein“ gehören definitiv dazu. Merkwürdige Kategorien… Ich wünsche mir im Gegenteil oft die Stärke, mehr Schwäche zeigen zu können – ohne Angst. Das empfinde ich als wahre Stärke, und das beeindruckt mich an manchen Menschen, denen ich begegne.

Bewunderung zollen (finde ich) sollten wir eher all den Menschen, die Tag für Tag um ihr Leben kämpfen. Deren Körper schlimmste und an Folter grenzende Misshandlung von Baby an überlebt hat. Die von Hilfestelle zu Hilfestelle rennen und nicht aufgeben, obwohl wenige ihnen Glauben schenken. Die sich weiter daran festhalten, dass es jenseits von Depression und Panik noch ein Leben geben kann. Die manchem vermeintlichen Feind im eigenen Körper nicht das Feld überlassen, sondern dran bleiben, auch die destruktiven inneren Kräfte davon zu überzeugen, dass Weichheit besser tut als Härte.

DAS ALLES, das kostet wirklich Kraft… 

Vielleicht kann lauf-stark dafür ein Zeichen werden: Dass wir den Menschen unseren Respekt zollen, die überlebt haben – und leben… Darum bitte ich euch. 

Alle Nicht-Betroffenen, die über das Thema rituelle Gewalt, über seine Dimensionen mehr wissen wollen, empfehle ich das Buch: „Vater unser in der Hölle“ von Ulla Fröhling. Aber bitte tut mir einen Gefallen und sagt nicht: „So etwas kann es nicht geben.“ Es existiert, hier bei uns und neben uns.


Chance der Bärenraupe, über die Strasse zu kommen?
Keine Chance.
Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst.
Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt..
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht und kommt an. 

Rudolf Otto Wiemer