lauf-stark fürs leben 

"nebenan ist überall" - Spenden-Laufprojekt

Katja

Ich verstehe mich ein wenig als „Grenzgängerin zwischen den Welten“.

Ich bin selbst Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit. Wie so viele andere Frauen und Männer kämpfe ich täglich mit dem Drahtseilakt meines Lebens. Und gleichzeitig stehe ich – inzwischen! – im Leben, bin berufstätig als Pfarrerin der EKiR, lebe in einer Partnerschaft mit meinem Ehemann. Ein langer Weg – auch Klinkaufenthalte und Psychotherapie seit vielen Jahren – hat mich durch Abgründe hindurch bis hierher gebracht. Ich bin meinen TherapeutInnen unendlich dankbar für die Arbeit mit mir und die Begleitung. Sie haben nie Hoffnung aufgegeben, selbst wenn ich selbst nichts mehr davon spüren konnte.

Jahrelang habe ich versucht, meine Vergangenheit und die Probleme, die sie für mich auch heute mitbringt, etwas ironisch als mein „persönliches Privatvergnügen“ zu betrachten.

So viele Gründe bringen Menschen wie mich zum Schweigen:

Die Angst, in beruflichem und privatem Umfeld nicht mehr für "voll" genommen zu werden.

Die Schuldgefühle: "Du bist doch selbst an allem schuld gewesen, hättest doch >etwas sagen< können."

Die Scham, sich zu outen – und unter Umständen auch: 

Die Furcht vor Bedrohung von außen.

Die Selbstzweifel: "Du spinnst einfach nur; das kann doch alles nicht wahr sein." (Glauben Sie mir, Umfeld und Sozialsystem, tun bisweilen das Ihrige dazu: „So etwas kann es doch in Deutschland gar nicht geben“.)

Absurderweise gleichzeitig ein Funke Hoffnung: "Wenn du nur „genug“ an dir gearbeitet hast, dann wird alles gut und das Leben „normal“ sein – bis dahin also besser nicht davon zu reden…"

Schmerzlich musste ich 2010 feststellen, dass dies so nicht funktioniert.

OBWOHL ich so unendlich hart an mir gearbeitet habe – Jahr für Jahr, Tag für Tag.

OBWOHL ich darin geübt bin, meinen Ängsten nicht nachzugeben - bis heute.

OBWOHL ich mein Leben scheinbar doch fest im Griff habe.

OBWOHL „mensch“ mir von außen rein GAR NICHTS anmerkt.

OBWOHL ich es schaffe, jede Anforderung und jede Situation zu bewältigen.

TROTZDEM: Das Leben bleibt ein einziger Seiltanz.

Ich habe zig Tricks und Krückstöcke parat, die mir helfen, auf dem Seil zu bleiben. Kniffe, um in Panikattacken handlungsfähig zu bleiben, mich nach flash-backs selbst zu beruhigen, inneren Druck abzubauen, nicht depressiv zu werden – oder die Tendenz dazu zumindest rechtzeitig zu erkennen. Trotzdem kann ein Windstoß dazu führen, dass ich drohe, den Halt zu verlieren.

Ein Leben, das ungeheuer anstrengend ist – das ist und bleibt es für mich. Auch heute.   

Es sind nicht wir Betroffenen, die unsere Vergangenheit nicht loslassen „wollen“. Es ist die Vergangenheit, die UNS nicht loslässt – uns in flashs überrollt, in Panikattacken über uns hereinbricht, sich in Suizidgedanken wie Gift in Herz und Seele einschleicht. Und oft bleibt eine teils namenlose Angst ständiger Begleiter, in jeder Sekunde des Tages und erst recht der Nacht.

2010 habe ich die Konsequenz gezogen und eine Pause eingelegt – notgedrungen. Und ich habe die Entscheidung getroffen: Ich werde nicht mehr schweigen. Nicht nur deswegen, weil damals sonst niemand aus meinem Umfeld meine Situation verstanden hätte. Sondern vor allem, weil ich es leid war, dass das Vorhandensein sexualisierter Gewalt totgeschwiegen wird – und damit letztendlich auch die Betroffenen selbst. Ich habe die Nase voll davon, dass Betroffene sich schämen – wo doch die Scham eigentlich zum Täter gehören sollte. Und ich finde es so unglaublich wichtig, dass Betroffene merken: "Ich bin nicht allein. Weder mit meiner Geschichte, noch mit den Auswirkungen, mit denen ich täglich kämpfe."

Wie oft kam es dazu, wenn ich auf Nachfragen hin meine Situation erklärt habe, dass hinterher still eine Frau mich beiseite nahm: „Wissen Sie, ich auch…“

Es muss doch endlich realisiert werden: Sexualisierte Gewalt geschieht ÜBERALL – nicht nur dort, wo wir mit dem Finger hinzeigen können, möglichst fernab von unserem "schönen" zu Hause…

Ich habe lange um eine berufliche Umschulung/Weiterbildung zur Hundetrainerin gekämpft, um eine eigene Hündin als Assistenzhündin PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) ausbilden zu können: 2010 war diese Art von Assistenzhund in Deutschland noch fast unbekannt. Schließlich durfte ich tatsächlich die Ausbildung zur "Hundeerzieherin und -verhaltensberaterin IHK/BHV" absolvieren. Erst während dieser Jahre fand ich für die Ausbildung von Fianna nach einem Reinfall (ACHTUNG!!! Es wird auch in diesem Bereich viel Schindluder getrieben!!!) Unterstützung durch den Berliner Verein „Hunde für Handicaps“. Als Pilotprojekt haben die Trainerinnen Fianna und mich als bis auf weiteres einziges Assistenzhund-PTBS/DIS-Team ausgebildet. Ich bin den Menschen dieses Vereins unendlich dankbar, sie sind so unglaublich kompetent, einfühlsam und umsichtig. Die Renate-Rennebach-Stiftung hat die Ausbildung von Fianna in dieser Form möglich gemacht, und sie begleitet das Projekt auch weiterhin. Was diese Menschen mir geschenkt haben, ist kaum in Worte zu fassen. Mit Fianna als Assistenzhund haben sie so sehr dazu beigetragen, dass mein Leben heute so sein kann wie es ist... Lebens-wert...

Näheres über Ausbildung und Prüfung von Fianna können Sie hier lesen.

Mithilfe von Fianna bin ich in meinen Beruf als Pfarrerin mit reduziertem Stellenumfang zurückgekehrt. Ich habe damit nicht nur wirtschaftliche Sicherheit gefunden, sondern auch (m)einen Beruf wieder, den ich liebe und mit Begeisterung ausübe. Fianna ist einer der Anker in meinem Leben geworden. Sie erfüllt mit großem Spaß die Hilfeleistungen, die für mich Schreck-/Angstmomente abmildern und das Leben erleichtern.

Eine gewisse Stabilität konnte so in mein Leben einkehren. Und mit ihr der große Wunsch, selbst aktiv zu werden, damit irgendwann niemand mehr schweigen muss.